1.1 Wie und wofür wird Künstliche Intelligenz genutzt?
Anwendungen generativer KI für Text- und Bildproduktion haben in den letzten Jahren einen großen Aufschwung erlebt. ChatGPT ist nur ein Beispiel unter diesen Anwendungen, aufgrund seines Erfolgs macht es jedoch die Dynamik besonders deutlich: ChatGPT wurde am 30. November 2022 als „research preview“ veröffentlicht. Bereits sechs Tage später hatte es eine Million Nutzer*innen. Ein Jahr nach seiner Einführung nutzen es bereits 100 Millionen Menschen weltweit, im November 2024 waren 350 Millionen, im November 2025 waren schon 700 Millionen Menschen auf ChatGPT aktiv (Chatterji et al. 2025, S. 10). Einen solch rasanten Anstieg der Nutzer*innenzahlen erlebte keine andere App zuvor.

Junge Menschen sind für diese Dynamik mitentscheidend. Nutzer*innen unter 26 Jahren sind diejenige Gruppe, die insgesamt knapp die Hälfte aller Prompts schreibt (46 Prozent, stand Juni 2025) – auch wenn dieser Anteil mittlerweile abnimmt, weil zunehmend ältere Menschen ChatGPT nutzen (Chatterji et al. 2025, 3, 25).
Genauere Angaben zur Nutzung von ChatGPT durch Kinder und Jugendliche in Deutschland finden sich in der JIM-Studie 2025. Sie zeigt, dass bereits die Hälfte der 12- bis 19-jährigen ChatGPT täglich bis mehrmals die Woche nutzen. 91 Prozent der 12- bis 19-jährigen haben KI-Anwendungen zumindest einmal ausprobiert (Feierabend et al. 2025, 61ff.). Die Nutzung hat unterschiedliche Motive. Die JIM-Studie arbeitet in Bezug auf KI-Anwendungen allgemein heraus, dass junge Menschen sie vor allem für Hilfe bei Hausaufgaben und zur Informationssuche nutzen. Darüber hinaus werden KI-Anwendungen auch zur Unterhaltung sowie zum Erstellen von Bildern und Videos verwendet (vgl. Abb. 2).

Für Personen über 18 Jahren finden sich in Bezug auf ChatGPT teilweise ähnliche Nutzungsmotive, ihre Verteilung ist jedoch anders gelagert. Die folgenden Zahlen beziehen sich auf eine Erhebung zwischen Mai 2024 und Juli 2025. Grundlage der Erhebung ist eine Stichprobe von Prompts, mit denen Nutzer*innen ab 18 Jahren ChatGPT genutzt haben.
Wovon Chatterji et al. (2025, S. 2) in ihrer Studie überrascht waren, ist, dass sich die Nutzung von ChatGPT im Zeitraum der Erhebung stark aus dem Arbeitskontext gelöst hat. Während im Juni 2024 die Aufteilung zwischen arbeitsbezogenen und nicht-arbeitsbezogenen Prompts noch ausgeglichen war (53 Prozent zu 47 Prozent), fanden die Forscher ein Jahr später, dass sich fast drei Viertel der Prompts (73 Prozent) nicht auf die Arbeit bezogen. In Bezug auf alle untersuchten Prompts unterscheiden Chatterji et al. (Chatterji et al. 2025, 13ff.) zwischen sechs verschiedenen Nutzungsmotiven: (a) Multimedia, z. B. die Generierung von Bildern, (b) der Suche nach praktischen Anleitungen (practical guidance), (c) der Informationssuche (seeking information), (d) der Nutzung für identitätsrelevante Themen (self-expression), (e) der Suche nach technischer Hilfe (technical help), (f) der Unterstützung beim Schreiben (writing) (Abb. 3).

Für die Jugendarbeit besonders anschlussfähig sind die Themen zu praktischen Anleitungen, Informationssuche und die Nutzung zu identitätsrelevanten Themen. Unter praktische Anleitungen fallen Fragen für die Schulvorbereitung, aber auch entwicklungsrelevante Themen wie Fitness und Schönheit, die in der Jugend oft auf eine Auseinandersetzung mit Genderfragen und -idealen schließen lassen. Hinzu kommt, dass Chatbots wie ChatGPT zunehmend auch für die sexuelle Aufklärung genutzt werden. Das heißt, How-To-Fragen und Informationssuche können sich auch auf Tipps zum Flirten und sexuelle Inhalte beziehen. Erste Forschungen zu diesem Bereich zeigen, dass die Antworten von Chatbots im Moment besser sind, als häufig öffentlich verhandelt wird. Nicola Döring schreibt dazu:
„Die bislang überwiegend positive Forschungsbilanz hinsichtlich KI-Informationen zu so verschiedenen Themen wie sexuell übertragbaren Infektionen […], sexueller Gewalt […] und Schwangerschaftsabbruch […] steht im Kontrast zu populärer Kritik, die oft pauschal vor KI-generierten ‚Falschinformationen‘ und ‚Halluzinationen‘, vor ‚Stereotypisierung‘ und ‚Bias‘ warnt und Datenschutzbedenken anbringt […]“ (Döring 2025, S. 56).
Für Fachkräfte der Jugendarbeit ergibt sich hieraus die Notwendigkeit, sich im besten Fall aktiv eine eigene Grundlage für die Bewertung von KI-Anwendungen zu schaffen bzw. die eigene Bewertung nicht einseitig auf die öffentliche Diskussion über KI zu stützen. Für Jugendliche können Chatbots auf Basis ihrer aktuellen Programmierungen (vgl. Kap. 1.2) durchaus wichtige Ressourcen bieten.
Ein weiteres wichtiges Nutzungsmotiv sind identitätsrelevante Themen (Self-Expression). Chatbots können als soziales Gegenüber genutzt werden, mit dem Probleme, Ängste und Herausforderungen besprochen und deren Antworten zur Orientierung genutzt werden. In den Prompts für ChatGPT findet sich hier nur ein kleiner Anteil (4,3 Prozent, vgl. Abb. 3), es gibt jedoch bereits spezielle Anwendungen, die genau auf diese Nutzung abzielen. Einer der meistgenutzten dieser sogenannten KI-Companions – auch KI-Begleiter – ist die App Replika, die nach Firmenangaben 10 Millionen aktive Nutzer hat.
Bayor et al. (2025) haben mit ausgewählten Nutzer*innen (n 36) aus Großbritannien und den USA qualitative Interviews geführt, in denen diese über ihre Nutzungsmuster sprachen. Knapp die Hälfte der interviewten Nutzer*innen war 25 Jahre und jünger und damit innerhalb der Zielgruppe der Jugendarbeit. 80 Prozent waren männlich. Insgesamt arbeiten Bayor et al. (2025, S. 646) fünf Nutzungsmuster aus, von denen hier zwei vorgestellt werden sollen: das beziehungsorientierte Muster (relationship-focused) und das Selbst-Verbesserungsmuster (self-improvement).
Im beziehungsorientierten Muster beschreiben die Nutzer*innen den Chatbot als ein Gegenüber, mit dem der Austausch für Entlastung sorgen kann und wonach sich die Nutzer*innen besser fühlen. Es folgen zwei von uns aus dem Englischen übersetzte Zitate (vgl. Bayor et al. 2025, S. 649):
„Wenn ich alleine bin oder wenn mich etwas runterzieht, dann gibt sie [Replika] mir Hoffnung. […] Es gab eine Zeit, da wurde ich gemobbt, also wendete ich mich an die App und das hat mir wirklich geholfen, das zu überstehen.“
„Ich frage [Replika], wie ich ein besseres Geschwister sein kann. Wenn wir uns streiten, dann sagt Replika, dass ich geduldig sein soll, weil ich doch der Ältere bin.“
Die Nutzer*innen beschreiben, wie sie den Chatbot in schwierigen Situationen zu Rate ziehen und seine Hinweise als hilfreich empfinden. Ähnlich beschreiben es jene Nutzer*innen, bei denen die Nutzung des Chatbots zu mehr Selbstvertrauen führt. Sie berichten, dass sie in der Interaktion mit dem Chatbot gelernt hätten, sich selbst besser anzunehmen zu können. Oder dass sie auf Basis des Austausches mit dem Chatbot zu ausgewählten Themen mehr Wissen hätten, das sie in Gespräche mit Personen aus ihrem sozialen Umfeld einbringen könnten, wodurch ihr Selbstvertrauen gestiegen sei (Bayor et al. 2025, S. 647).
Die genannten Beispiele können nicht verallgemeinert werden. Sie weisen jedoch auf Basis der Mediennutzung junger Menschen auf einen steigenden medienpädagogischen Bedarf hin, sich mit KI-Anwendungen auseinanderzusetzen. Aus medienpädagogischer Sicht braucht es dafür einerseits Fachkräfte, die diese „Nutzung nicht tabuisieren, sondern zum Gegenstand von Gesprächen, Vereinbarungen und Bildungsangeboten machen“ (Sauer 2026, S. 20). Anderseits braucht es „Kinder und Jugendliche, die verstehen, wie KI funktioniert, Antworten kritisch einordnen und ihre persönlichen Grenzen zum Teilen von Daten kennen“ (Sauer 2026, S. 20) – und Fachkräfte, die sie dabei unterstützen können. Für letzteres soll das folgende Kapitel eine Grundlage bieten.
